Freitag, 7. Dezember 2012

TH-Wonderland Adventskalender Tür 7

Dr. Christmas - Weihnachten ist überall...


...heute kommt Teil 2 der Weihnachts-FF von Melo & Diana.

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Teil 2

 
Wie Bill den Rest seiner Schicht um die Runde gebracht hatte, wusste er nicht mehr. Er hatte alle Aufgaben, die ihm die dicke Oberschwester zugeteilt hatte, gewissenhaft erledigt, während draußen die Sonne untergegangen und der kalte klare Abend Einzug erhalten hatte.
Inzwischen schneite es wieder und die Kinder drängten sich begeistert an die Fenster und sahen den flauschigen Flocken im Licht der Außenlaternen mit einer Begeisterung nach, die Bill gerne geteilt hätte. Er mochte nicht viel von Weihnachten halten, denn New York war das Paradebeispiel für eine Kommerzialisierung dieses Festes, aber er mochte den Winter und den Schnee. Doch seit Mara ihm den unsanften Korb buchstäblich ins Gesicht geschlagen hatte, war er mit einer dumpfen Enttäuschung erfüllt, die durch nichts zu trösten schien.
"Feierabend", rief Tom, streckte sich und legte den Arm um Bell, die ihm mit einem Nicken zustimmte.
"Ja, lasst uns gehen", murmelte er, als ihm plötzlich einfiel, dass er dem kleinen Jimmy versprochen hatte, nach seiner Schicht mit Tom vorbeizukommen. Er wägte seine Lustlosigkeit und Verzweiflung gegen ein paar leuchtende Kinderaugen ab und entschied sich schließlich für seine schlechte Laune. Er würde sich eine gute Ausrede einfallen, warum er Jimmy nicht besucht hatte - Kinder sahen einem schließlich vieles nach.
Mit einem Mal wurde es unruhig auf der Station. Bill kannte das Gefühl nur zu gut - es war die buchstäbliche sanfte Unruhe vor dem Sturm. Etwas war passiert.
Kaum einen Herzschlag später flogen die Stationstüren auf und ein Dutzend Sanitäter schoben Tragen in Windeseile durch den langen Korridor, der zur Kinderchirurgie führte.
Dann brach der Sturm los. Das Personal rief sich gegenseitig Anweisungen zu, die Sanitäter berichteten den Ärzten, welche Verletzungen sie diagnostiziert und bisher notdürftig versorgt hatten.
Bill blickte zu den unzähligen Tragen, die wie im Akkord an ihm vorbeirollten. Weinende und schreiende Kinder mit blutüberströmten Gesichtern, merkwürdig verdrehten Armen und Beinen malten ein Bild des Grauens.
Neben ihm sog Tom scharf die Luft ein, dann hörten sie die Stimme der Oberschwester:
"Ihr da", rief sie ihnen zu, "kommt her und macht euch nützlich."
Eilig liefen sie auf sie zu und schnappten dabei Wortfetzen wie "Busunglück" und "Kindergruppe auf dem Weg zu einer Weihnachtsfeier" auf.
"Hört zu", sagte die Oberschwester und hielt ihnen eine Packung mit Gummihandschuhen hin. "Hier kommen gleich noch ein paar, die nicht schlimm verletzt sind. Vielleicht ein paar Kratzer, Prellungen oder Schürfwunden. Ich will, dass ihr sie versorgt. Vermutlich stehen sie unter Schock. Sollte euch etwas Ernsteres auffallen, holt ihr den Stationsarzt, ist das klar? Keine eigenmächtigen Behandlungen, denn auch wenn ihr euch so fühlt, aber ihr seid noch lange keine Ärzte."
"Ich kann auch helfen", rief Mara, die eben aus einem Behandlungszimmer kam, schnappte sich ein paar Handschuhe und drehte sich flugs wieder um, als die minder schwer verletzten Kinder von den übrigen Sanitätern herein gebracht wurden. Es waren mindestens zehn, wenn nicht mehr und Bill betete inständig, dass es sich wirklich nur um leichte Verletzungen handelte, die schnell versorgt werden konnten.
"Bill, du kommst mit mir", rief Mara und winkte ihn heran, "Tom, Bell - ihr übernehmt die eine Hälfte, wir die andere. Die Behandlungszimmer zwei und drei sind frei. Los jetzt."
Bill konnte selbst kaum verfolgen, was er tat. Letztendlich bekam er erst wieder bewusst mit, was er tat, als er und die Kinder in einem der Behandlungszimmer waren. Mara kramte irgendetwas herum, während zwei weitere Helfer sich an einer anderen Trage nützlich machten.
"Schhh, ganz ruhig", wisperte Mara und redete beruhigend auf das Kind ein. Es blutete an der Stirn und hatte einige Schürfwunden.
"Bitte messe den Blutdruck und Puls", wies die junge Frau ihn an. Bill nickte nur und nahm das Messgerät entgegen. Vorsichtig hob er das dünne Ärmchen des vielleicht fünfjährigen Mädchens an. Die Vorsicht war jetzt nicht nur angebracht, weil das Kind vermutlich unter Schock stand, sondern weil er auch nicht wusste, ob vielleicht doch etwas gebrochen war.
Die Kleine war tapfer, ließ leise schluchzend die Untersuchungen über sich ergehen. Fest biss sie sich auf die Lippe und schniefte geräuschvoll, als Mara ihr eine Spritze gab. Bill strich ihr beruhigend durch die Haare und lächelte die Kleine an.
"Ganz ruhig, du hast es gleich geschafft. Du hast nur ein paar kleine Wunden, aber eigentlich ist alles okay. Deine Eltern können dich bestimmt bald abholen!"
Mit ihren großen, wässrigen Augen, sah sie zu ihm auf und nickte, während ihr wieder ein Schluchzer entwich.
Bill sah aus den Augenwinkeln, wie Mara gerührt lächelte, ignorierte es aber, weil es letztlich keine Bedeutung hatte. Sie hatte ihm gesagt, dass es keinen Klick gegeben hatte und ihn wohl nie geben würde. Bevor er den Gedanken ganz zu Ende gedacht hatte, saß schon das nächste weinende Kind vor ihm, dann ein weiteres und noch eines. Im Schnelldurchlauf versorgte er Schnitt- und Schürfwunden, leichte und schwere Prellungen, Hämatome und verstauchte Handgelenke. Nach bestem Gewissen tröstete er die Kinder, stand einigen Eltern Rede und Antwort und beruhigte andere, die darauf warteten, dass die Ärzte aus den OP-Sälen kamen und sie über ihre verletzten Kinder informierten.
Einige Stunden später hatte sich die Lage deutlich entspannt. Die meisten der leicht verletzen Kinder waren von ihren Eltern abgeholt und nach Hause gebracht worden, einige wenige hatten sie zum Röntgen geschickt.
Bill wusste, dass es in der Chirurgie weitaus weniger glatt gelaufen war. Er hatte es vermieden, nach genaueren Details zu fragen, denn auch, wenn sich seine unsichtbare Abwehrwand gut hielt, wollte er ihre Standhaftigkeit nicht auf die Probe stellen.
Mit Kopfschmerzen und verschwitztem Gesicht verließ Bill den Behandlungsraum, lehnte sich gegen den Schwesterntresen und lächelte seinem Bruder erschöpft entgegen, der soeben einige Kinder zum Röntgen begleitet hatte.
"Man, was für ein Abend", stöhnte Tom. "Uns das an unserem ersten Tag."
"Wart's ab, bis wir Ärzte sind", sagte Bill und schmunzelte. Nach all der Hektik und den vielen Tränen, die er getrocknet hatte, fühlte er sich etwas besser.
Bell kam aus dem Schwesternzimmer, gähnte erschöpft und lehnte sich gegen Toms Schulter:
"Jungs, ich könnte einen Drink vertragen", sagte sie.
"Ich auch", stimmte Bill zu. "Am besten einen doppelten." Er grinste und sah sich um, um sicherzugehen, dass ihre Hilfe hier wirklich nicht mehr vonnöten war, als sein Blick an Jimmys Zimmer hängen blieb. Das schlechte Gewissen, das er vorhin ignoriert hatte, suchte ihn jetzt mit doppelter Kraft heim.
"Tom, hör mal." Er erzählte seinem Bruder von Jimmy und dem Versprechen, das er dem kleinen Jungen gegeben hatte.
"Billy, du bist wirklich zu süß", mischte sich Bell ein, griff Toms Hand und sagte. "Na los, worauf warten wir? Die paar Minuten kann unser Feierabend auch noch warten."
Dankbar nickte Bill und führte sie in Jimmys Zimmer. Trotz fortgeschrittener Stunde war der Junge noch wach - und er war nicht allein.
"Dr. Bill", rief er, als er Bill in der Tür erkannte. "Du bist doch noch hergekommen." Neben ihm saß Mara, die ein Buch in der Hand hielt und ihm offensichtlich daraus vorgelesen hatte.
"Habe ich doch versprochen", sagte Bill, mehr um seinem schlechten Gewissen zu beweisen, dass spät besser als nie war. "Aber wir hatten hier einen Notfall, deswegen hat es länger gedauert." Er versuchte Maras Anwesenheit weitestgehend zu ignorieren. Lächelnd deutete er auf Tom und Bell: "Das sind mein Bruder Tom und seine Freundin Bell."
Jimmy nickte höflich.
"Und du spielst also Gitarre, ja?", fragte Tom und deutete auf die Kindergitarre in der Ecke. "Dann lass mal hören, was du drauf hast."
Mit stolz geschwollener Brust hechtete Jimmy aus dem Bett, griff nach der Gitarre und begann ein paar Akkorde zu zupfen. Wenn auch schief und mehr schlecht als recht erkannte Bill ein Weihnachtslied.
"Hier, sieh mal", begann Tom und ging vor Jimmy in die Hocke, "du musst die Finger so legen."
Bell verfolgte Tom lächelnd, ließ sich auf Jimmys Bett plumpsen und blickte schließlich zu Mara:
"Ziemlich harter Tag, oder?"
Mara klappte das Buch zu und nickte:
"Kann man so sagen", lächelnd rieb sie sich die Augen und unterdrückte ein Gähnen, "aber ich habt euch wirklich sehr gut geschlagen."
"Ja, Tom und Bill werden mal sehr gute Ärzte, dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Was meinst du, wie begeistert ich war, als sie mir gesagt haben, dass sie sich in den Semesterferien nützlich machen und auf der Kinderstation aushelfen wollen." In Bells Stimme schwang eine Begeisterung, die jeder für echt hielt, der sie nicht kannte. Bill wusste, was Bell hier versuchte - sie war einer Meisterin der Überzeugung und noch dazu eine perfekte Schauspielerin.
Mara lächelte höflich:
"Die Oberschwester hat sich auch sehr gefreut, als sie gehört hat, dass es ein bisschen Unterstützung gibt."
"Und nichtsdestotrotz", sprach Bell weiter und ignorierte Maras ausgesuchte Höflichkeit geflissentlich, "muss man sich selbst auch Auszeiten gönnen. Deswegen gehen wir jetzt etwas trinken. Wie wäre es, kommst du mit?"
Es war Mara deutlich anzusehen, dass sie von Bells Direktheit überrumpelt war. Dennoch schüttelte sie den Kopf:
"Ich werde noch etwas hier bleiben, denke ich. Und außerdem habe ich Jimmy grade eine Geschichte vorgelesen."
"Ach komm schon", rief Mara und legte ihr die Hand auf die Schulter. "Das hier ist dein Arbeitsplatz und nicht dein ganzes Leben. Wann hattest du das letzte Mal Spaß, Mara?"
Mara blinzelte und rang um Worte. Bill konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und so drehte er den Mädchen eilig den Rücken zu und gluckste. Bell wusste, wie man den Leuten auf den Leim gehen konnte.
"Ich.ähm.also, Bell, ich bin gerne hier und-", weiter kam sie nicht, denn da hatte Jimmy sie schon unterbrochen.
"Du kannst mir morgen vorlesen, Mara. Wenn du mit Dr. Bill und seinen Freunden Spaß hast, dann bist du bestimmt sehr glücklich und dann macht es morgen noch viel mehr Spaß mit dir."
Bill lächelte. Für sein Alter hatte dieser Junge eine unwahrscheinliche Auffassungsgabe.
Tom zog eine Schnute und stemmte die Hände in die Hüfte:
"Hey Kleiner, du kannst mich ruhig auch Dr. Tom nennen."
Bell und Mara lachten, während Bill die Augen verdrehte und den Kopf schüttelte.
Auch der kleine Jimmy lachte, obwohl er nicht mal so recht zu wissen schien, warum er und die anderen das taten.
"So, aber was ist nun, Mara?", wandte Bell sich wieder an die Brünette, als das Lachen abgeebbt war, und Bill und Tom mit dem kleinen Jungen über Gitarren und Singen sprachen.
Seufzend sah die Studentin ihr Gegenüber an und dann auch Jimmy und die beiden jungen Männer. Es war ihr anzusehen, dass sie verunsichert war und sich etwas unwohl zu fühlen schien. Dennoch nickte sie nach einigem Zögern.
"Okay, überredet. Du hast wahrscheinlich recht. Und wenn man sich zu sehr auf die Arbeit versteift und sich keine Zeit für sich selbst nimmt, dann leidet irgendwann die Arbeit darunter. Ich muss mir das noch angewöhnen - also, dass ich mir auch mal Zeit für andere Sachen nehme. Ich muss mich da selbst immer wieder ermahnen."
Ein schiefes Lächeln glitt über Maras Lippen, was Bell erwiderte.
"Keine Bange. Da müssen wir alle durch. Arzt und Krankenschwester sind zwei Berufe, die einen ziemlich vereinnahmen können. So eine Arbeit ist eben etwas Besonderes."
Dreißig Minuten später hielt Bells Wagen mitten in der Stadt. Es war 21 Uhr und da Freitag war, war einiges los in der Stadt. Sie hatten sich dazu entschieden, Schlittschuhlaufen zu gehen. Zwar hatte Tom nur mit einigem Gezeter nachgegeben, da er lieber in eine Bar hätte gehen wollen, aber Bell hatte ihn um ihren Finger gewickelt und Bill verheißungsvoll zugezwinkert.
Seufzend stieg der Student aus dem Auto. Bell hatte sich gefreut, etwas arrangieren zu können, aber es wusste ja auch noch keiner, dass Mara ihm heute erst eine Abfuhr erster Klasse erteilt hatte. Irgendwie tat es ihm leid, dass Tom und Bell sich so bemühten zwischen ihm und Mara etwas zu deichseln, und dass das nie Früchte tragen würde. Aber ja . er wollte sich und den anderen den heutigen Abend nicht versauen, also würde er jetzt keinem von der Abfuhr erzählen und auch selbst nicht mehr daran denken.
"Jetzt kommt schon, hop hop!", trieb Bell sie an. Sie war ungewöhnlich euphorisch, aber es heiterte die Stimmung auf und zauberte Bill sogar ein Schmunzeln auf die Lippen.
Vor ihnen, am Fuße des Rockefeller Centers erstreckte sich die längliche, beleuchtete Eislaufbahn. Viele Pärchen, Jugendliche und Touristen hatten sich in Schlittschuhe gezwängt und versuchten ihr Glück auf dem Eis. Links und rechts der Bahn, hatte man unzählige, mit gelb-weißen Lichterketten und bunten Kugeln geschmückte Weihnachtsbäume aufgestellt, dazwischen einige kleine Stände, die Glühwein und Süßspeisen verkaufen.
"Oh, ich liebe Weihnachten", rief Bell schwärmerisch und hakte sich bei Tom unter. "Komm, wir holen die Schlittschuhe." Nachdem sie Bills und Maras Größe erfragte hatte, wandte sie sich mit einem Augenzwinkern Bill zu und sagte:
"Besorgt ihr uns allen eine Tasse Glühwein?"
"Klar", sagte Bill prompt. Er konnte einen heißen Tropfen wirklich vertagen.
"Da drüben ist die Schlange nicht so lang", Mara deutete auf einen Glühweinstand zwischen zwei reich geschmückten Tannen. Ihr Tonfall war freundlich und höflich, so wie eh und je. Wäre Bill nicht selbst dabei gewesen, würde er kaum glauben, dass er erst vor ein paar Stunden eine so unsanfte Abfuhr von ihr erhalten hatte.
Schweigend folgte er Mara durch die dichten Menschenmassen, als sie plötzlich ins Stolpern geriert und wild mit den Armen ruderte.
Eilig machte Bill einen Ausfallschritt und fing sie auf, ehe sie zur Seite fallen konnte. Ein großer Eisklumpen lag mitten auf dem Weg. Sie hatte ihn in dem dichten Gedränge wohl schlichtweg übersehen.
Mara selbst hing in Bills Armen, die braunen Augen vor Schreck aufgerissen und auf den Lippen einen halb entsetzten Ausruf. Ihre Hände hatten sich in Bills Ärmel gekrallt und hielten sich sicher daran fest. Ihr blasses Gesicht war Bill so nah, dass kaum eine Handbreit zwischen ihren Lippen lagen. Zum ersten Mal erkannte er die feinen Sommersproßen auf ihrer Nase und den kleinen hellbraunen Leberfleck unter ihrem linken Auge.
Als Bill sich bewusst wurde, wie nah er Mara war, begann sein Herz zu rasen und gab die liebliche Unruhe sogleich an Bills Magengegend weiter, die sich dem wilden, hormongefluteten Tanz anschloss.
Zum Glück trug er Handschuhe und einen Mantel, sonst hätte sie seine schwitzigen Hände gespürt, die in Folge eines Schweißausbruches nahezu geflutet wurden.
"Alles...alles okay?", hörte er sich sagen.
Mara nickte wie in Zeitlupe und zuckte kurz darauf zusammen, ehe sie sich wieder richtig aufrappelte und von ihm löste, als hätte sie sich verbrannt.
,,Ja . ja, alles okay. Danke dass du mich gehalten . also ich meine, gefangen hast.''
Ein unsicheres Lächeln glitt über ihre Lippen, die sofort Bills Blick wieder gefangen nahmen. Sie waren voll und zartrosa, durch die eisige Kälte.
"Lass uns den Glühwein holen, sonst suchen Bell und Tom uns nachher noch."
Gemeinsam überwanden sie noch die letzten Meter und stellten sich in der Schlange an.
Ungeduldig wartete Bill, dass sie endlich an die Reihe kamen. Es machte ihn nervös, hier mit Mara anzustehen und irgendwie war es auch dank der Abfuhr etwas unangenehm. Wem ging das schon anders? Eine Abfuhr war nie etwas Schönes .
Als sie schließlich ihren Glühwein bekamen, nahm Bill gleich einen Schluck aus einer der beiden Tassen, die er hielt. Er brauchte das jetzt. Nicht, dass er sich betrinken wollte, aber ein wenig betäuben war ja wohl nicht verboten .
Bell und Tom warteten bereits auf sie, als sie an der Eisfläche ankamen. Grinsend sah Tom Bill an. Erwartungsvoll und neckisch, aber Bill beachtete das einfach nicht und reichte ihm das dampfende, alkoholische Getränk.
"Ich muss euch vorwarnen", sagte Mara, stellte ihren Glühwein auf der breiten Holzbande der Eislaufbahn ab und schlüpfte umständlich in die weißen Lederschlittschuhe. "Ich bin schon seit Ewigkeiten nicht mehr Schlittschuh gelaufen."
Bell lachte und klopfte ihr auf die Schultern: "Ach was, du kriegst das schon hin. Und wenn nicht, kann Bill dir ja helfen."
Bill rollte die Augen und drehte sich weg. Er musste Bell und Tom irgendwie begreiflich machen, dass Mara ein aussichtsloses Unterfangen war.
Wortlos leerte er seinen Glühwein, zog die Schuhe an und stapfte vorsichtig aufs Eis. Die milchige Oberfläche war von Kratzern und einigen tieferen Furchen durchzogen. Hie und da fiel jemand der Länge nach hin, kämpfte sich tapfer auf die Beine und versuchte es weiter.
Bill lächelte niedergeschlagen, als er die Parallele zu seinem Leben erkannte. Vor ein paar Stunden war er selbst ziemlich unsanft hingeschlagen, doch auch, wenn es entsetzlich schmerzte, musste es sich wieder aufrappeln und es wieder und wieder und wieder versuchen.
Möglicherweise hatte es jetzt noch nicht Klick gemacht - wie auch, immerhin kannte sie ihn nur oberflächlich - aber vielleicht würde er sie mit Hartnäckigkeit dennoch überzeugen können, sich auf ihn einzulassen.
Ein Funken glomm in seinen Herzen auf. Rasch wuchs die Flamme und befeuerte seinen Ehrgeiz. Er hatte schon so viele Dinge geschafft, die ihm niemand zugetraut hatte, warum also nicht auch ein Mädchen davon überzeugen, dass er der Richtige war? Bis zu seiner letzten Schicht am vierundzwanzigsten hatte er noch eine Woche Zeit, in der er sich anstrengen konnte. Wenn sie dann noch immer nichts von ihm wissen wollte, konnte er wenigstens sagen, dass er es versucht hatte.
Mit frischem Mut und Selbstbewusstsein ballte er die behandschuhten Hände zu Fäusten und grinste.
Als er sah, wie Mara im Schneckentempo und viel zu vorsichtig auf das Eis stakste, musste er lachen. Bill war zwar selbst kein Eisläufer aber immerhin konnte er einigermaßen geradeaus und rückwärts fahren.
Lächelnd und mit federleichten Füßen steuerte er die Bande an, bremste einen halben Meter vor Mara und streckte ihr die rechte Hand entgegen:
"Darf ich bitten?"
Unsicher sah sie ihn an, grinste schief in leichter Distanz. Aber als sie wieder einen 'Schritt' weiter fahren wollte und sie ins Wanken kam, ergriff sie dann doch hastig seine Hand und hielt sich an ihr fest.
Bill musste sehen, dass er nicht zu aufdringlich war. Er wollte sich ihr ja auch nicht aufzwingen. Er wusste, dass es unangenehm war, wenn man wusste, dass jemand auf einen stand, man selbst es aber nicht erwidern konnte. Wenn die verliebte Person dann auch noch die ganze Zeit baggerte, war es kein schönes Gefühl. Also würde er sich einfach ganz normal bei ihr verhalten. Freundlich und nett, wie bei einer Freundschaft, ansonsten würde er ihr vermutlich nur noch mehr Gründe geben, dass es bei ihr nicht funkte.
"Ich helfe dir ein bisschen, wenn du magst. Als ich die ersten Male gefahren bin und damals noch wackelig auf dem Eis war, war ich auch froh, dass mir ein Kumpel geholfen hat. Ich denke, das ist fast dasselbe, wenn man eine Weile nicht gefahren ist'', erklärte er sich rasch mit einem sanften Lächeln. Sie nickte und lächelte ihn nun auch freundlich und nicht mehr so gezwungen an.
"Ja, danke!"
Vorsichtig begann Bill sich wieder vorwärts zu bewegen und zog Mara hinter sich her.
"Konntest du schon mal fahren oder ist das nur weil du, wie du sagtest, lange nicht mehr gefahren bist?"
Verlegen sah Mara auf die Eisfläche, ehe sie ihn mit geröteten Wagen ansah.
"Ich bin lange nicht mehr gefahren - aber auch überhaupt erst einmal", wisperte sie und brachte Bill zum Lachen. Empört sah sie ihn an, aber der Student winkte nur ab und bemühte sich das Tempo langsam zu steigern.
"Ich lache dich nicht aus. Ich fand es nur geschickt, wie du das umgangen bist, es zu sagen. Hey, wir drei beißen nicht, ja? Du kannst gern sagen, wenn du etwas nicht machen willst, oder nicht so gut kannst, oder so. Schau, ich hab im Krankenhaus vorhin doch auch gesagt, dass ich nicht gut beim Blutentnehmen bin. Ist zwar nicht angenehm das zuzugeben, aber es ist nichts dabei, oder? Also komm, ich zeig dir, wie das Schlittschuhfahren geht!"
Bill fuhr an die Bande und hielt dort an. Mara kam neben ihm zum Stehen und hielt sich an der Begrenzung fest, offensichtlich in der Angst hinzufallen, sollte einer der anderen, die hier auf der Eisfläche waren, sie streifen.
"Also gut, schau ..."


Wie Bill erwartet hatte, schlug sich Mara besser als gedacht. Sie war zwar tatsächlich am Anfang recht ungeschickt, aber nicht weniger schlecht als jeder andere, der das erste Mal Schlittschuh fuhr.
Bell und Tom hatten sie längst in der Menge verloren, aber das spielte keine Rolle, denn was wichtig war, war, dass Mara ihren Spaß hatte.
Lächelnd fuhr er ein Stück von ihr weg und rief:
"Jetzt komm her", er streckte die Arme in ihre Richtung. "Ganz vorsichtig."
Mit glühenden, von der Eiseskälte rot gefärbten Wangen schien sie ihren Mut zusammen zu nehmen. Sie nickte und schob vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Als es ihr einigermaßen gut gelang, lachte sie:
"Sieh mal, Bill!"
Sein Herz tat einen kleinen Sprung und ein leises, angenehmes Kribbeln breitete sich in seinem Magen aus. Hätte Bill eine Kamera bei sich gehabt, hätte er den Moment festgehalten, wie Mara, leicht wankend, mit ihrem makellosen braunen Haar, das unter ihrer Wollmütze hervorlugte, auf ihn zufuhr; auf den Lippen dieses wunderschöne Lächeln und ihren Augen die Spiegelung der bunten Weihnachtslichter.
"Das machst du super", rief er ihr zu. Wie gern wäre er auf sie zugefahren und hätte seine Arme um sie geschlungen und die glücklichen Lippen geküsst.
Als Mara nur noch zwei, drei Meter vor ihm war, sah Bill, wie sie die Füße schräg stellte und die Kufen schief über das Eis kratzten. Dann geriet sie ins Stolpern und wäre um eine Haar gefallen, hätte Bill sie nicht im buchstäblich allerletzten Moment in seine Arme gezogen.
"Halt, hier geblieben", lachte er, als ihr linker Schlittschuh wegrutschte.
Maras Arme hatten sich um seinen Hals gelegt. Zu Bills Überraschung bettete sie die Stirn an seine Schultern und brach in albernes Gelächter aus.
"Hast du das gesehen?" Ihr schlanker Körper bebte unter ihrem offenen und ehrlichen Lachen.
"Ja, habe ich", sagte er leise und lächelte. Unauffällig roch er an ihrem Haar. Es duftete nach Rosen und Zimt und war noch weicher, als er es sich vorgestellt hatte. "Du bist wirklich nicht schlecht."
Lächelnd hob sie den Kopf von seiner Schulter und sah ihn an:
"Wenn das mit dem Arzt werden nicht klappen sollte, weiß auf jeden Fall, was ich noch nicht werden sollte."
Bill erwiderte ihr Lächeln. Ihre Arme lagen noch immer um Bills Hals, die seinen an ihrem schlanken Rücken. Er hatte das Gefühl, als wäre die Welt für einen Moment stehen geblieben. Die Menschen, das Eis, die herrlichen, üppigen Weihnachtsdekorationen und Lichterketten - all das war zu einer Masse aus Farbtupfern verschwommen, die Bill nur noch aus den Augenwinkeln wahrnahm.
Maras braune Augen, ihr blasses Gesicht, die roten Lippen und ihr duftendes Haar hielten Bill schier gefangen. Er wusste, dass er sie anstarrte, doch er konnte einfach nicht anders.
Seiner Meinung nach war sie einfach viel zu schön für diese Welt. Könnte er, würde er sie den ganzen Tag ansehen und glückselig vor sich hin lächeln.
"Ich . ähm ..."
Sanft löste sich die Brünette von ihm. Sofort spürte Bill, wie es wieder kühler wurde. Es fühlte sich irgendwie unangenehm an und auf eine gewisse Weise leer. Wie wenn man in den Wintermonaten frühmorgens aus dem Bett stieg und die aufgewärmte, kuschelige Decke nicht mehr den Körper bedeckte.
Bill schluckte und sah Mara in die Augen. Doch die junge Frau wich seinen Blicken aus und sah in der Gegend herum - bis sie wieder lächelte und Bill anblickte.
"Schau, da sind Tom und Bell, lass uns doch zu den beiden fahren!"
Bill folgte ihrem vorherigen Blick und erkannte seinen Zwilling und dessen Freundin, ehe er im Augenwinkel auch schon sah, wie Mara davon fuhr. Na sie hatte es ja eilig, nicht mehr 'allein' mit ihm zu sein.
Er wollte ihr grade in Richtung der beiden anderen folgen, als er auch schon sah, wie Mara anfing zu straucheln - und im nächsten Moment lag sie schon auf dem Boden.
Tom und Bell hatten von alledem nichts gemerkt, hatten die beiden wohl nicht mal gesehen. Umso eiliger hatte Bill es jetzt, zu seiner Mara zu kommen. Rasch fuhr er auf seinen Schlittschuhen zu ihr, hatte zu tun in seiner Hast nicht selbst zu stürzen und hockte sich dann neben sie.
"Alles okay?", fragte er und zog sie etwas am Arm auf, als sie sich aufrappeln wollte. Sie nickte, aber Bill konnte erkennen, dass sie an der Unterlippe und Nase etwas blutete.
"Nein, nichts ist okay. Komm, wir fahren von der Eisfläche und dann schau ich mal ."
Widerwillig aber ohne ein Wort des Widerstandes ließ sich Mara von Bill zur Bande ziehen. Vorsichtig half er ihr von der Eisfläche und über die grüne Kunstrasenfläche, die vor der Eisbahn lag, damit sich die Kufen nicht abnutzen. Er verscheuchte ein paar Jugendliche von einer der Bänke vor der Bande und bedeutete Mara, sich zu setzen.
"Warte hier, ja? Und rühr dich nicht vom Fleck, ich bin gleich wieder da."
Eilig hastete er zu den Schließfächern in denen sie ihre Taschen und Schuhe eingeschlossene hatten, holte seinen Rucksack heraus und lief wieder zurück zu Mara.
"Bill, es ist nur ein Kratzer", sagte Mara leise und drückte sich ein Taschentuch unter die Nase.
Bill lächelte sanft:
"Das sagen Mediziner immer, wenn sie sich verletzt haben." Vorsichtig legte er seine Hand unter ihr Kinn und hob es sachte an. Maras Unterlippe war leicht aufgeschürft, das Nasenbluten rührte mit Sicherheit von einer leichten Verletzung der Nasenwände her. Bill griff in seinen Rucksack und holte die kleine Erste-Hilfe-Tasche heraus, die er stets bei sich trug. Er nahm eine sterile Kompresse heraus, besprühte sie mit Desinfektionsmittel und betupfte vorsichtig Maras Lippe.
"Das brennt jetzt etwas." Bill sah, wie Mara die Zähne zusammenbiss und schmunzelte. Als er die leichte Blutung gestillt hatte, widmete er sich Maras Nase. "Denk dran, den Kopf nicht in den Nacken legen, ja?"
Mara verdrehte die Augen, reichte Bill das Taschentuch und ließ sich von ihm eine weitere Kompresse unter die Nase halten.
"Und Dr. Bill", sagte sie nach einer Weile und grinste, "Werde ich es schaffen?"
Bill setzte eine gespielt ernste Miene auf:
"Ich denke ja, aber es war sehr knapp." Bill kämpfte mit dem Lachen, dass sich auf seine Lippen stehlen wollte und verlor schließlich. Kichernd wechselte er die blutgetränkte Kompresse. "Aber zum Glück hattest du ja News Yorks besten Arzt hier."
Mara lachte, murmelte ein leises "Autsch", weil das Lachen ihre aufgeplatzte Unterlippe spannte und nahm schließlich die Kompresse von ihrer Nase. Das Bluten hatten aufgehört.
"Danke, Bill", sagte sie leise. Bill blinzelte als er sah, wie sie im Schein der zahlreichen Lichterketten errötete.
"Kein Thema", antwortete er, packte seine Sachen zusammen und setzte sich neben sie. "Aber ich glaube, das Schlittschuhfahren sollten wir heute sein lassen."
Sie nickte entschuldigend:
"Tut mir Leid. Ich wollte dir wirklich nicht den Abend verderben."
Bill sprang hastig von der Bank auf:
"Hast du nicht!" Er ging vor ihr in die Knie und lächelte. Sein Herz klopfte wild in seiner unsicheren Brust. "Im Gegenteil, ich hatte viel Spaß. Und.und wenn du Lust hast, können wir das mit dem Schlittschuhfahren ja noch mal üben."
Mara seufzte und lächelte ihn schief an.
"Du gibst wohl nie auf, hm?"
Bill spürte, wie seine Wangen ebenfalls erröteten. Es war ihm peinlich - dennoch nickte er ehrlich.
"Gut dann . okay!"
Hatte sie da wirklich zugesagt, noch mal mit ihm Schlittschuhlaufen zu gehen? Er hätte zwar nicht gefragt, hätte er ein Ja von vornherein komplett ausgeschlossen, erwartet hatte er eine Zusage dennoch nicht.
Einen Moment wurde ihm etwas schwindelig, aber er riss sich zusammen. Der Tag war definitiv viel zu hektisch und nervenaufreibend gewesen. Zwar waren sie noch nicht all zulange hier, dennoch war es wohl besser, wenn sie bald wieder losfuhren. Sie waren sicher alle müde und würden morgen früh aufstehen.


Bill gähnte ungeniert, als er die Glastüren zur Kinderstation aufstieß. Er hatte zwar ausgesprochen gut geschlafen, aber viel zu kurz. Er ließ seinen leeren Kaffeebecher in den Mülleimer neben dem Schwesterntresen fallen und lehnte sich mit dem Rücken dagegen, während er abwartete, dass Bell und Tom mit ihrer "Wir-sehen-uns-mindestens-fünf-Minuten-nicht-Knutscherei" fertig wurden. Dann fiel sein Blick auf Mara, die - wie hätte es auch anders sein können - bereits auf Station war. Heftig gestikulierend diskutierte sie mit dem Stationsarzt, der beruhigend ihre Schulter berührte und den Kopf schüttelte.
Bill hörte, wie er etwas lauter sagte:
"Mara, verstehen Sie doch, ich habe keinen Einfluss darauf. Wenn Sie sich beschweren wollen, müssen Sie zur Verwaltung gehen." Damit drehte er sich um und ließ sie stehen.
Bell hatte ebenfalls Wind davon bekommen, schob Tom zur Seite und flüsterte:
"Was war denn da los?"
Unschlüssig zuckte Bill die Schultern und beschloss, Mara selbst zu fragen. Er ging auf sie zu, richtete nervös sein Haar und wischte seine schwitzigen Hände an seiner Arbeitskleidung ab.
"Morgen, Mara", sagte er freundlich.
"Morgen", murmelte sie mit belegter Stimme. Sie drückte ihm den Stapel Patientenakten in die Hand, den sie sich bis eben unter den Arm geklemmt hatte.
"Alles okay?", fragte Bill besorgt. Maras Miene war finster und ihre Augen kamen ihm wässrig vor.
"Sicher", antwortete sie knapp und tonlos, drehte sich um und wollte gehen, als Bill sie an der Schulter zurückhielt.
"Was hast du denn?" Er legte die Stirn in Falten und sag sie fragend an. Es war untypisch für Mara, so kurz angebunden und vor allem unfreundlich zu sein. Was immer sie mit dem Stationsarzt besprochen hatte, schien sie aus der Fassung gebracht zu haben.
"Ich habe nichts und jetzt lass mich in Ruhe", zischte sie und funkelte ihn an. Sie riss sich los und marschierte in die Teeküche, die neben dem Schwesternzimmer lag.
Überrascht blinzelte Bill und drehte sich zu Bell und Tom um, die ihn ebenso fragend ansahen.
"Hinterher", rief Bell ihm zu, doch es hätte ihrer Aufforderung nicht bedurft, denn er hatte ihr sowieso folgen wollen. Bill respektierte, wenn jemand schlechte Laune hatte und allein sein wollte, aber Mara sah eher so aus, als würde sie dringend einen Freund brauchen.
Lächelnd drückte er einer vorbeieilenden Schwester die Akten in die Hand und lief eilig zur Teeküche. Mara hatte die Tür geschlossen, doch Bill trat ohne anzuklopfen hinein.
Der Duft von Kaffee, Kräutertee und Spülmittel schlug ihm aus dem schmalen niedrigen Raum entgegen. Mara stand mit dem Rücken zu ihm, den Blick aus dem kleinen halbhohen Fenster gerichtet.
"Mara?", frage er vorsichtig, schloss die Tür wieder hinter sich und blieb in einigem Abstand stehen. Ihre schmalen Schultern bebten und über ihre Lippen drang ein leiser Schluchzer als sie murmelte:
"Geh weg."
Bills Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Unter allen Menschen hätte er sich am wenigsten vorstellen können, dass ausgerechnet sie weinte. Mara war immer diszipliniert, stark und auf ihre Weise unantastbar.
"Hey", sagte es leise, machte ein paar Schritte auf sie zu und legte seine Arme um ihre zitternden Schultern. "Mara, was ist passiert?"
Sie schluchzte, wehrte sich gegen seine Nähe und gab schließlich nach. Als sie sich zu ihm umdrehte, wollte sein Herz brechen. Ihre friedlichen braunen Augen ertranken in Trauer. Tränen hatten ihre glitzernden Spuren auf ihren geröteten Wangen hinterlassen, ihre Lippen waren leicht geschwollen und bebten im Takt ihrer Schultern.
"Ist ja gut", flüsterte Bill, drückte sie fester an sich und strich über ihren Hinterkopf. "Was immer es ist Mara, es wird bestimmt wieder gut."
Sie schüttelte den Kopf, schluchzte abermals und wischte sich über die Augen wie ein kleines Mädchen:
"Nichts wird wieder gut, Bill", japste sie in einem neuerlichen Tränenschauer.
"Hey, beruhig dich. Nichts ist nicht möglich. Man muss es nur richtig anpacken und eventuell Unterstützung haben - was ist denn los, vielleicht kann ich dir ja irgendwie helfen?"
Sanft schob Bill die Brünette etwas von sich und sah ihr ehrlich und lächelnd in die Augen. Es brach ihm abermals beinahe das Herz, sie so zu sehen. Es schmerzte wirklich sehr, mehr, als er es erwartet hätte. Wie konnte einem das Leid eines anderen nur so sehr wehtun, vor allem wenn man nicht einmal wusste, was überhaupt los war?
"Das .das Stationsbu - Stationsbudget reicht nicht fü - für eine Weihnachtsfeier!", schluchzte sie, mehrmals unterbrochen von ihren zahlreichen Tränen.
Sanft strich Bill ihr über die Wange und spürte die warmen Tränen an seinem Daumen hinablaufen.
"Das . also die Weihnachtsfeier f - für die Kin-nder. Aber man kann den Ki-Kindern doch nicht das Weih-Weihnachtsfest nehmen! Und Jimmy! Seine Werte sind so-so schlecht. Er wird das nä-nächste Weihnachten bestimmt nicht erleben-n."
Mit großen, verweinten Augen sah Mara Bill an, ließ ihn tatsächlich unwillkürlich zusammenzucken, wegen des Anblickes. Sie sah aus, als hätte sie soeben das Wertvollste verloren, das sie je besessen hatte.
Schluchzend zitterte sie noch einmal auf, ehe ihre Beine unter ihr nachgaben und sie beinah auf den Boden sackte, aber Bill hielt sie fest und drückte sie noch etwas dichter an sich. Deutlich konnte er ihr heftig klopfendes Herz an seiner Brust spüren.
"Das kriegen wir bestimmt irgendwie hin. Vielleicht können wir noch mal mit der Leitung reden oder . wir lassen uns irgendetwas anderes einfallen, hm?"
"Aber was denn?", erwiderte Mara sofort. Leise wimmerte sie auf und krallte sich in seine Schultern.
Sie tat ihm so leid. mEr wusste schon, wieso er Weihnachten eigentlich nicht mochte. Es brachte immer nur Probleme mit sich .
"Da lassen wir uns etwas einfallen, versprochen. Bell, Tom, du und ich - das kriegen wir hin und im Notfall schnappen wir uns noch ein paar Kollegen. Wie gesagt, es ist nichts nicht möglich. Wenn wir uns ein bisschen Mühe geben, packen wir das zusammen!"
In ihren dunklen Augen glomm ein Hoffnungsschimmer auf, der Bill eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Auf ihren Lippen lag ein Lächeln, das alles an Schönheit übertraf, das Bill je zu sehen geglaubt hatte. Ihr Gesicht kam immer näher, bis Bill nur noch ganz automatisch die Augen schloss. Er spürte Maras weiche Lippen auf den seinen, den verzweifelten Druck ihrer schmalen Finger an seinen Oberarmen und die Tränen auf ihren Wangen. Sein Verstand hatte sich abgeschaltet, noch bevor er realisieren konnte, was geschah.
Selbst Bills Herz hatte die Situation noch nicht begriffen, denn es schlug beständig und ruhig weiter.
Erst, als sich Mara von ihm löste und ihn erschrocken ansah, setzte es sich so schleunig in Bewegung, dass Bill das Gefühl hatte, sein Brustkorb würde unter den dumpfen, hastigen Schlägen erzittern.
Sein Verstand weigerte sich noch immer, zu begreifen, dass Mara ihn geküsst hatte.
Bill zwang sich ins Bewusstsein, lächelte und wollte ihr über die Wange streichen, doch sie schlug seine Hand unwirsch mit weit aufgerissenen Augen beiseite, zwängte sich an ihm vorbei aus der Teeküche und ließ ihn in Ungläubigkeit zurück. 

Zitat des Tages

"In der Grundschule war ich der Kleinste mit der größten Fresse..." 

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Hier kommt ihr zum Türchen Nummer 7


Kommentare:

  1. Sorry maus, bin gerade am Kommentare freischalten, das dauert immer bei mir.

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  2. Falls dich das tröstet, mein Dad schenkt mir nie was ^^

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